Mikroplastik und Citizen Science

Mikroplastik ist überall – welchen Einfluss Sichtbarkeit eines Problems und öffentliches Engagement (in Form von Citizen Science) auf die Wissenschaft hat, sieht man am Beispiel Mikroplastik sehr ausgeprägt.

Kunststoffe (Polymere, Mikroplastik oder auch Plastik) sind eine Ursache für unsere globale Umweltverschmutzung. Schwebende Plastikkontinente in mehreren Ozeanen, Plastiktüten-fressende Schildkröten, verendete Wale mit Plastikmüll-Mägen sind Entdeckungen der letzten Jahre, die große mediale Verbreitung und Aufmerksamkeit erfahren haben.
Diese, auch unter dem Begriff „visuell wahrgenommene Umweltverschmutzung“ beschriebene Konfrontation mit Problemen liegt immer im Auge des Betrachters. Die Betrachter sind Menschen wie Sie und ich.

Wir nehmen diese Art der Umweltverschmutzung als sogenannte situative Umweltverschmutzung in den Medien wahr und reagieren hauptsächlich im Rahmen unserer aktuellen Gefühlslage: manchmal mit Entsetzen, Wut und Kopfschütteln, manchmal mit einem „Like“, manchmal auch mit Ignoranz und Ablehnung. Dieses Verhalten wird innerhalb der Citizen Science auch als Vorfühlen bezeichnet. Der Mensch übernimmt die Rolle eines Sensors, der auf Änderungen in seinem Umfeld reagiert.

Citizen Science – Was ist das?

Viele Jahre lang gab es keine einheitliche, klare Definition, die den Begriff Citizen Science beschrieb. Es ist ein historisch gewachsener Begriff, der erst in den vergangenen Jahren zu einem Überbegriff geworden ist. Unter Citizen Science können auch Ansätze wie partizipative Wissenschaft, partizipative Aktionsforschung, partizipatives Monitoring, zivile Wissenschaft, zivile Wissenschaftler, Bürgerwissenschaftler oder Crowdsourcing-Wissenschaftler gezählt werden.

Es wurde viel darüber diskutiert, was der Begriff im Hinblick auf den Umfang abdecken sollte und wo er hingehörte. War es ein Thema für Menschen, die sich mit der Erforschung des öffentlichen Verständnisses von Wissenschaft befassen? Fiel es unter Wissenschaftskommunikation? 2004 versuchte Bruce Lewenstein von der Cornell University eine dreiteilige Definition des Begriffs (Lewenstein, 2004):

1) „die Beteiligung von Nichtwissenschaftlern an der Erhebung von Daten gemäß bestimmten wissenschaftlichen Protokollen sowie an der Verwendung und Interpretation dieser Daten;
2) die Beteiligung von Nichtwissenschaftlern an echten Entscheidungen über politische Fragen, die technische oder wissenschaftliche Komponenten haben; und
3) das Engagement von Forschern im demokratischen und politischen Prozess.“

Citizen Science kann sich auf unterschiedliche Aspekte beziehen wie die Beteiligung von Nicht-Wissenschaftlern an wissenschaftlicher Forschung oder wissenschaftlich-relevanten politischen Entscheidungsfindungen oder im umgekehrten Fall auf die Beteiligung von Wissenschaftlern an vermeintlich nicht-wissenschaftlichen politischen Prozessen.

Im Jahr 2013 schlug das „Green Paper on Citizen Science“ Folgendes vor: „Citizen Science bezieht sich auf die Beteiligung der Öffentlichkeit an wissenschaftlichen Forschungsaktivitäten, wenn die Bürger entweder mit ihren intellektuellen Bemühungen oder mit ihrem umgebenden Wissen oder mit ihren Werkzeugen und Ressourcen aktiv zur Wissenschaft beitragen“ (Gordienko, 2013). Diese Definition wurde auch im Grünbuch zur Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland aufgegriffen (Bonn et al., 2016)

In seiner Aktualisierung vom Juni 2014 wurde der Begriff “Citizen Science” offiziell in das Oxford Dictionary aufgenommen und wie folgt definiert: „Wissenschaftliche Arbeit, die von Angehörigen der Allgemeinheit durchgeführt wird, häufig in Zusammenarbeit mit professionellen Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Einrichtungen oder unter deren Leitung.“ (OED, 2016)
Innerhalb der Citizen Science wird auf die Fähigkeit eines jeden Menschen, Dinge zu interpretieren, aufgebaut. Es gilt seine Position des Hinterfragenden und Kategorisierenden zu stärken (Stufe 2). Im Vordergrund steht noch nicht die in Stufe 3 partizipative Forschung und dem Nachgehen der Frage, wie es dazu kommt, dass etwas so ist, wie es ist. Es geht darum ein Problem zu erkennen, zu definieren und eine Datensammlung zu diesem Problem zu betreiben, um daraus in Stufe 4 in gemeinsamer Forschung, nicht nur Daten zu sammeln, sondern auch zu analysieren. Am Ende von Stufe 4 steht der Erkenntnisgewinn und die daraus abgeleitete Bestätigung des eigenen Standpunkts /-orts bezüglich eines Problems oder eine im Kontext der Ergebnisse als notwendig erachtete Veränderung des eigenen Habitus.

Für die partizipierende Bevölkerung ist es motivierend, zu erkennen und zu sehen, dass sie einen echten Beitrag zur Forschung leisten können. Es geht um das Engagement des Bürgers. Es geht darum, Wissen und Ansichten einzubringen, diese zu diskutieren, um vertieftes Fachwissen zu gewinnen, gleichzeitig aber auch Forschungsprozesse kennenzulernen. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit, die Wertschätzung des Engagements und die Qualitätssicherung der von den Bürgern gesammelten Daten durch die Wissenschaftler sind von zentraler Bedeutung für Citizen Sciences.

Mikroplastik und öffentliche Wahrnehmung

Immer dann, wenn man etwas sieht, nimmt man es wahr. Bei Plastik und Mikroplastik oder insgesamt Müll sehen wir das Problem, wir fragen uns häufig, warum machen Menschen dies, aber die Reaktion, einen Müllbeutel zu zücken, um die herumliegenden Teile aufzusammeln, oder im Drogeriemarkt sehr bewusst die Mikroplastikfreien Kosmetika zu identifizieren, bleibt aus. Die hohe Sichtbarkeit der makroplastischen Verschmutzung erhöht zwar einerseits die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, doch die Handlungsoptionen (z.B. geeignete Abfallentsorgungsysteme, Recyclingkonzepte etc.) lassen andererseits sehr oft zu wünschen übrig.
Darüber hinaus werden sowohl mikro- als auch nanoplastische Partikel auch in marinen Umgebungen (einschließlich Tiefwasserumgebungen) gefunden und haben aufgrund ihrer Größe und Zusammensetzung unterschiedliche Auswirkungen und Auswirkungen auf die Umwelt (Jamieson et al. 2019).

Während viele Arten von Kunststoffen in bestimmten maritimen Gebieten in erheblichen Mengen gefunden wurden, ist die Verbreitung und Auswirkung dieser Kunststoffe in Süßwassersystemen zwar gut erforscht (Eerkes-Medrano et al. 2015; Li et al. 2018), jedoch in der Öffentlichkeit wenig bekannt.
Aufgrund dieser mangelnden Sichtbarkeit wurde das Problem in der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen oder diskutiert. Für politische Agenden und politische Maßnahmen ist es jedoch erforderlich, dass die Öffentlichkeit an dem Dialog teilnimmt bzw. diesen einfordert. Durch den Druck der Öffentlichkeit verändern sich Forschungsschwerpunkte und es werden Aktionspunkte gesetzt, die eine Verbesserung der Ausganssituation ermöglichen – in unserem Fall sauberes Süßwasser.

Diesen Standpunkt vertritt auch das Team Wasser 3.0. In Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagnen und Bildungstransfers werden Bürgerinnen und Bürger in die Kommunikationsarbeit eingebunden. Transparenz in der eigenen Forschungsausrichtung und Grundlagen für Arbeiten im Bereich Citizen Sciences werden geschaffen.

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