
Mikroplastik Mapping am Neckar
22. April 2026
VisualVest wird Deutschland-Partner der Donau Challenge
22. Mai 2026Der Fall der unsichtbaren Spuren: Warum die richtige Probe den
Unterschied macht
Neue Wasser-3.0-Studie zeigt: Mikroplastik-Monitoring braucht Präzision – und eine Erzählung, die Menschen mitnimmt
Es beginnt wie in einem guten Krimi: Der Täter ist winzig, nahezu unsichtbar, hinterlässt aber überall Spuren – im Klärwerksablauf, im Regenüberlauf, im Flusswasser und selbst im Trinkwasser aus der Leitung. Die Frage, die Ermittler:innen in Laboren weltweit umtreibt, lautet nicht mehr ob Mikroplastik in unseren Gewässern ist, sondern wie viel– und vor allem: Wie können wir es zuverlässig messen?
Genau hier setzt die unsere neue Publikation im Fachjournal Microplastics an. Hier liefern wir die bisher konkreteste Antwort auf eine unterschätzte Frage: Welche Probenahme-Strategie liefert belastbare Daten beim Mikroplastik-Nachweis – und wie viele Proben braucht es wirklich?
Das Spurenproblem: Warum Mikroplastik-Monitoring bislang hakt
Mikroplastik verteilt sich in Gewässern nicht wie Zucker im Tee. Es klumpt, driftet, sinkt, schwimmt – heterogen, launisch, schwer zu fassen. Wer nur einen halben Liter Wasser schöpft und darin zählt, misst möglicherweise einen Ausreißer. Wer hundert Liter filtriert, hat ein anderes Problem: Die Probe wird zu voll, verstopft Filter und muss wieder aufgeteilt werden.
Bislang fehlten harmonisierte Protokolle. Studien verwendeten unterschiedliche Volumina, Probenahmegeräte und Analyseverfahren – mit der Folge, dass sich Ergebnisse kaum vergleichen ließen. Unsere Mikroplastik-Forschung hat genau hier einen Hebel angesetzt.
Gegenstand der aktuellen Ermittlung:
Vier Tatorte, zwei Methoden, ein klares Ergebnis
Das Team um Dr. Katrin Schuhen verglich zwei Probenahme-Strategien an vier realen Wassermatrizen: dem Ablauf einer Kläranlage in Landau-Mörlheim, dem dortigen Trinkwasseranschluss, einem Mischwasserüberlauf (bei Starkregen) sowie dem Oberflächenwasser der Queich rund 400 Meter unterhalb des Klärwerkablaufs.
- Methode A – die klassische Stichprobe (Grab Sampling): 0,5 Liter in einer Braunglasflasche, fünf Wiederholungen.
- Methode B – die Particle Sampling Unit (PSU): 100 Liter Wasser werden direkt durch eine 10-µm-Filterkerze gepumpt, anschließend wird die Probe im Labor aufgeteilt und analysiert.
Zur Prüfung der Wiederfindung wurden definierte Mengen Fluoreszenzmarker-eingefärbte Polyamid-Partikel hinzugegeben – die "markierten Verdächtigen", die am Ende in der Fluoreszenzmikroskopie wieder auftauchen sollten.
Die Auflösung: PSU schlägt Stichprobe bei der Präzision
Die Ergebnisse lesen sich wie ein forensisches Protokoll – und sie sind eindeutig:
Die PSU-Probenahme erreichte eine deutlich höhere Präzision mit einer mittleren relativen Standardabweichung von 41 ± 17 %, während Stichproben bei 64 ± 19 % lagen. An drei von vier Messstellen – Kläranlage, Oberflächenwasser und Trinkwasser – war die 100-Liter-Methode klar überlegen.
Bei der Wiederfindung zeigte sich ein anderes Bild: Die Stichproben erreichten 93 ± 7 % Recovery, PSU-Proben mit vollständiger Filteranalyse 88 ± 23 %. Grund: In den kleineren Grab-Samples machten die gespikten Partikel einen höheren Anteil an der Gesamtpartikelzahl aus – der Nachweis-Effekt war deutlicher.
Die entscheidende Praxis-Erkenntnis:
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- Um bei 95 % Konfidenz eine Fehlertoleranz von ±25 % zu erreichen, braucht es 21 PSU-Proben – oder 51 Stichproben.
- Für ±10 % steigt die Zahl auf 131 PSU- bzw. 312 Stichproben.
- Die Beziehung zwischen Standardabweichung und benötigter Probenzahl ist quadratisch – halbiert man die Streuung, viertelt sich die nötige Probenzahl.
Damit zahlt sich jede methodische Verbesserung überproportional aus.
Vom Labor auf die Straße: Was das für reale Monitoring-Kampagnen bedeutet
Für Kläranlagen-Betreiber, Umweltbehörden und Industrieunternehmen heißt das konkret: Wer belastbare Einzelmessungen braucht, setzt auf die PSU. Wer auf viele Messpunkte und einfache Handhabung angewiesen ist, wählt Stichproben – muss diese aber in ausreichender Zahl nehmen.
Beide Wege führen zu validen Ergebnissen, wenn man die Regeln kennt. Das von uns eingesetzte fluoreszenzbasierte Analyseverfahren liefert schnelle Resultate – ein entscheidender Faktor, wenn Städte, Industriebetriebe oder Umweltprojekte flächendeckend monitoren wollen.
Ein zweiter Aspekt: Kontaminationskontrolle. Nur wer in dedizierten Laborräumen, mit Luftfiltern, fusselfreier Kleidung und ausschließlich Glasgeräten arbeitet, kann Falschpositive zuverlässig ausschließen. Die Studie liefert dafür ein praxistaugliches Protokoll.
Vom Fachjournal zum Krimi: "Kriminalfall Mikroplastik"
Genau an dieser Schnittstelle – zwischen harter Forschung und gesellschaftlicher Realität – setzt das neue Buch von Dr. Katrin Schuhen Kriminalfall Mikroplastik – Ermittlungen in einem Jahrhundertverbrechen an.
Dr. Schuhen führt die Leser:innen durch einen Fall, der uns alle betrifft: Mikroplastik im Blut, in der Muttermilch, im Trinkwasser. Wer wusste was? Wer schwieg? Wer profitiert? Und – das ist der hinweisgebende Teil – was kann jede und jeder von uns ab heute tun?
Das Buch ist kein Alarmruf, sondern eine Ermittlung. Es verbindet belegbare Daten (auch aus Studien wie der oben beschriebenen) mit Gesellschaftskritik und konkreten Alltagsimpulsen: Plastikverpackungen gezielt reduzieren, Synthetikkleidung seltener waschen, auf lose Lebensmittel umsteigen. Nicht die eine perfekte Lösung – sondern wirksame Schritte, die sich summieren.
Warum beides zusammengehört
Die Fachpublikation und das Buch erzählen dieselbe Geschichte auf zwei Ebenen. Die Wissenschaft liefert die Methodik, mit der sich Mikroplastik-Belastung überhaupt belastbar erfassen lässt – die Voraussetzung dafür, dass Monitoring-Programme, Grenzwerte und Nachweise vor Gericht und vor der Öffentlichkeit standhalten. Das Buch übersetzt diese Erkenntnisse in eine Sprache, die ohne Chemiestudium verständlich ist – und die Menschen zum Handeln befähigt.
Beides zusammen ist der Anspruch von Wasser 3.0: Mikroplastik nachweisen, entfernen, wiederverwerten – und dabei die Gesellschaft nicht zurücklassen.
Der Täter mag unsichtbar sein. Die Werkzeuge, ihn zu überführen, sind es nicht mehr.






