
Mikroplastik-Analyse vs. Analytik: Unterschied erklärt
29. Juni 2026Drei Flüsse, eine Karte: Wie wir Europas Mikroplastik sichtbar machen
Es gibt einen Satz, der uns seit Jahren begleitet: „Wir wissen, dass Mikroplastik überall ist – wir wissen nur nicht, wo genau.“ Genau dieser Satz hat in diesem Jahr sein Verfallsdatum erreicht. Mit den Kampagnen an Neiße, Neckar und Donau haben wir 2026 die bislang dichteste zusammenhängende Datengrundlage zur Mikroplastik-Belastung mitteleuropäischer Fließgewässer geschaffen. Und wir machen sie öffentlich.
Die Zahlen: Was bislang analysiert wurde
Mapping heißt bei uns nicht: ein paar Stichproben an gut erreichbaren Brücken. Mapping heißt: systematisch, georeferenziert, entlang des gesamten Laufs, mit einer Methodik, die von der Quelle bis zur Mündung identisch bleibt. Der aktuelle Stand:
- Lausitzer Neiße: 112 Proben – vom Jizera-Gebirge bis zur Oder-Mündung, davon 2 Proben aus der Oder selbst und 8 aus angrenzenden Seen.
- Neckar: 161 Proben – von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein, davon 13 Proben im Bereich des Bonadieshafens in Mannheim.
- Deutschland-Abschnitt der Donau von Donaueschingen bis Passau und weiter bis Aschbach an der Donau. Die Donau Challenge ist die aktuell laufende Kampagne entlang des längsten Flussabschnitts, den wir je am Stück bearbeitet haben.
- Brigach und Breg: 11 Proben – die beiden Quellflüsse der Donau, beprobt noch vor dem offiziellen Startschuss der Donau Challenge.
Macht in Summe Stand heute 369 Proben – und jede einzelne ist ein Datenpunkt, der vorher schlicht nicht existierte. Zum Vergleich: Als wir 2023 mit der Alb rund um Karlsruhe erstmals einen kompletten Fluss in kurzer Zeit kartiert haben, war das ein Novum. Heute ist es unser Standardverfahren – nur eben mehrere Größenordnung größer.

Joseph und Thorsten bei der Donau Challenge © Wasser 3.0
Warum ausgerechnet diese drei Flüsse?
Die Auswahl ist kein Zufall, sondern ein Versuchsaufbau. Die drei Gewässer decken zusammen fast das gesamte Spektrum ab, das europäische Flüsse zu bieten haben.
Die Neiße ist ein Grenzfluss durch drei Länder mit einer schweren industriellen Vorgeschichte – der Oberlauf um Liberec galt seit dem 16. Jahrhundert als „Manchester Böhmens“, mit Spinnereien und Webereien direkt am Wasser. Textilabwässer und synthetische Fasern zählen zu den wichtigsten Mikroplastikquellen überhaupt. Ein besseres Reallabor für die Frage, wie lange industrielle Altlasten in einem Flusssystem nachwirken, gibt es kaum.
Der Neckar ist der Testfall für Dichte. Ein Fluss, an dem mehr als vier Millionen Menschen leben, mit hoher Siedlungs- und Kläranlagendichte auf engem Raum. Mit 161 Proben liegt hier unser feinstes Raster – und damit die beste Chance, einzelne Eintragspfade sauber voneinander zu trennen.
Die Donau schließlich ist die europäische Dimension: zehn Länder, rund 2.850 Kilometer, ein Einzugsgebiet, in dem Millionen Menschen ihr Trinkwasser aus dem Fluss beziehen. Die Kampagne DONAU 2850 läuft aktuell – mit derzeit 85 ausgewerteten Proben bis Aschbach ist noch längst nicht Schluss.
Der eigentliche Hebel heißt Datentransparenz
Hier kommt der Punkt, an dem sich unsere Arbeit von klassischer Forschung unterscheidet. Wir könnten diese Daten sammeln, drei Jahre lang auswerten und dann ein Paper veröffentlichen, das hinter einer Paywall liegt. Wir tun das Gegenteil: Alle Ergebnisse fließen in die Global Map of Microplastics ein – frei zugänglich, standardisiert, für alle.
Warum das entscheidend ist? Weil fehlende Daten das wirksamste Argument gegen Regulierung sind. Solange niemand belastbar sagen kann, wie viel Mikroplastik wo im Wasser ist, bleibt jede politische Maßnahme angreifbar. Schätzungen – etwa zu den Frachten der Donau – kursieren seit Jahren, sind aber genau das: Schätzungen ohne validierte Messgrundlage. Ohne Beweislage kann Politik nicht handeln.
Datentransparenz ist deshalb kein Nebenprodukt unserer Arbeit, sondern ihr Hebel. Eine öffentliche Karte mit 369 Messpunkten verändert Gespräche. Sie verändert, was ein Betreiber einer Kläranlage über den eigenen Ablauf sagen kann. Sie verändert, was eine Kommune in ihrem Gewässerbericht schreibt. Und sie verändert, worüber in Brüssel verhandelt wird.
Von der Karte zum Hotspot: Was die Daten schon zeigen
Ein Muster zeichnet sich über alle Kampagnen hinweg deutlich ab: Die Distanz zur nächstgelegenen Kläranlage ist der stärkste Einzelprädiktor der Mikroplastik-Konzentration. An der Neiße etwa fällt der Median monoton mit wachsender Entfernung – von rund 30 Partikeln pro Liter in der Nahzone auf 10 Partikel pro Liter jenseits von zehn Kilometern. Die Spitzenwerte liegen sämtlich wenige Kilometer unterhalb einer Anlage. Das ist die klassische Signatur einer Punktquelle.
Das ist eine gute Nachricht. Punktquellen sind adressierbar. Diffuse Einträge über die Fläche kann man kaum gezielt bekämpfen – eine identifizierte Anlage mit hohem Austrag dagegen schon. Genau deshalb ist Hotspot-Identifikation kein akademischer Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, dass Investitionen in Gewässerschutz dort landen, wo sie die größte Wirkung entfalten.

Oleg am östlichsten Punkt Deutschlands an der Neiße © Wasser 3.0
Möglich wird das durch eine Mikroplastik-Analytik, die skaliert
Den Durchsatz, den wir bearbeiten können, schaffen klassische Laborverfahren schlicht nicht. Die FT-IR-Spektroskopie gilt zwar als Goldstandard, versagt aber bei Partikeln unter 10 bis 20 Mikrometern, braucht aufwendige Probenvorbereitung, teure Infrastruktur und hochqualifiziertes Personal. Für Monitoring in dieser Größenordnung ist sie praktisch ungeeignet.
Unsere Mikroplastik-Analytik setzt stattdessen auf Fluoreszenzmarker, die Kunststoffpartikel selektiv anfärben. Dadurch lassen sie sich zuverlässig von natürlichen Partikeln unterscheiden und auszählen – schneller, kostengünstiger und auch ohne vollausgestattetes Labor. Erst diese Skalierbarkeit macht flächendeckendes Gewässermonitoring überhaupt realistisch. Wer die Methodik selbst anwenden möchte, findet bei uns das passende Analytik-Kit.
Teil der EU Mission Ocean – und was das konkret bedeutet
Unser Mapping ist eingebettet in die EU-Mission „Restore our Ocean and Waters“, eine der großen Missionen unter Horizon Europe. Sie verfolgt bis 2030 drei Ziele: marine und limnische Ökosysteme schützen und wiederherstellen, Verschmutzung von Meeren und Gewässern verhindern und beseitigen, und eine nachhaltige, klimaneutrale und zirkuläre blaue Wirtschaft ermöglichen.
Die Mission arbeitet mit regionalen Schwerpunkten, sogenannten Mission Lighthouses – einer davon ist das Einzugsgebiet der Donau samt Schwarzem Meer. Mehr als 1.000 Maßnahmen sind bislang unter der Mission Charter anerkannt, mit einem Budget von über 7,7 Milliarden Euro.
Für uns ist das keine Etikette, sondern eine Arbeitsteilung. Die Mission setzt den Rahmen und die Ziele. Was sie braucht, sind belastbare, vergleichbare, offene Daten aus den Flusseinzugsgebieten selbst – und genau die liefern wir. Ein Messpunkt an der Neiße ist damit nicht nur ein Messpunkt an der Neiße. Er ist ein Beitrag zu einer europäischen Beweislage, die am Ende in Regulierung münden muss.
Gamechanger statt Symptombehandlung
Kartieren allein reinigt kein Gewässer. Deshalb ist das Mapping bei uns nur eine von mehreren Säulen. Parallel arbeiten wir an der Entfernung von Mikroplastik aus Abwasserströmen, damit die Partikel gar nicht erst in den Fluss gelangen. Wir veröffentlichen unsere Methodik in wissenschaftlichen Publikationen, damit andere sie nachnutzen und überprüfen können. Und wir übersetzen die Ergebnisse in verständliches Wissen für alle, die keine Chemikerinnen und Chemiker sind.
Diese Kombination – messen, veröffentlichen, entfernen, erklären – ist das, was wir als Gamechanger-Ansatz der Wasser 3.0 gGmbH verstehen. Nicht ein einzelner technischer Durchbruch, sondern das konsequente Schließen der Lücke zwischen Wissen und Handeln.

Probennahme an der Neckarbrücke Neckartenzlingen © Nina Ohlendorf
Wie es weitergeht
Die Donau-Kampagne läuft. Aschbach ist ein Zwischenstand, nicht das Ziel – bis zur Mündung ins Schwarze Meer liegen noch Tausende Kilometer und Hunderte Proben vor uns. Danach beginnt die eigentliche wissenschaftliche Arbeit: Laboranalysen, statistische Auswertung, Hotspot-Modellierung, Publikationen und EU-Briefings.
Wer mitverfolgen möchte, wie aus Wasserproben eine Karte wird, findet die laufend aktualisierten Ergebnisse in der Global Map of Microplastics. Wer die Arbeit unterstützen möchte: Ein Projekt dieser Dimension passt in keine klassische Förderkulisse und finanziert sich über Spenden und Partnerschaften. Und wer tiefer einsteigen will, findet die ganze Ermittlungsgeschichte in „Kriminalfall Mikroplastik“.
Die aktuellen Proben sind immer noch der Anfang. Aber es ist ein Anfang, der zum ersten Mal auf einer Karte steht. Und es geht nur mit Wirkungsbeschleunigung und maximaler Eigeninitiative.





